Sensing Sustainability > Klimawandel, what the fuck! Wie ein Projekt sich verändert und Ideen Wirklichkeit werden

Nanna Lüth

Das Konzept, mit dem die Künstler*innen Johannes Frick a.k.a. Jon Darc und Bahar Meriç im Herbst 2023 mit der Klasse 8.4 der Fritz-Karsen-Schule, Berlin-Britz, starteten, hieß Sensing Sustainability – Wem gehört die Stadt? Es zielte darauf ab, auf der Basis von sinnlicher Wahrnehmung und der Erkundung von städtischen Orten für Veränderungen durch den Klimawandel zu sensibilisieren. Dies sollte in Form von eigenen choreografischen und musikalischen bzw. Soundarbeiten festgehalten werden. Als gemeinsame Produktion war ein „multiperspektivisches Tableau […] aus der Perspektive der Schüler*innen” geplant.

Nach der ersten Projektwoche im November 2023 stellte sich heraus, dass die Thematisierung von Klimafragen nicht so einfach zu verbinden war mit der Wahrnehmungsschulung in der Stadt. Schon die Konzentration auf einzelne Sinneswahrnehmungen im Stadtraum stellte für manche Teilnehmer*innen eine Herausforderung dar (vgl. Feldnotizen Tarfa Bachan, 7. November 2023).
Zusätzlich rief die Aufgabe, im Rahmen von Exkursionen etwas fotografisch, per Video oder Soundrecorder aufzunehmen, verschiedenste Probleme hervor: Erstens fürchteten einige Schüler*innen bei der Nutzung von eigenen Handys, wertvollen Speicherplatz zu belegen; zweitens setzten bspw. Fotoaufnahmen der Gruppe ein Vertrauen in die verantwortungsvolle Mediennutzung voraus, das nicht immer vorhanden war. Drittens erzeugten die unterschiedlichen Regeln zur Nutzung des eigenen Handys im Projektkontext – im Kontrast zum sonstigen weitgehenden Handyverbot in der Schule – für Missverständnisse zwischen Schüler*innen und Lehrpersonen (vgl. Feldnotizen Mathias Manglus, 8. November 2023). Im Rahmen der ersten Sichtung von Fotos im Klassenraum reagierten die Schüler*innen zudem teilweise negativ auf die Darstellungen: „[…] Kommentare wie ‚Das ist peinlich‘, ‚Ich sehe unvorteilhaft aus‘ [waren] zu hören“ (s. Feldnotizen Cennet Celik, 9. November 2023).

Beim ersten Netzwerktreffen Ende November wurde von dem Klassenlehrer Robert Piasek dargelegt, dass der Lebensweltbezug von Klimafragen erst einmal hergestellt werden müsse. Man werde sich also zunächst auf die Förderung der Wahrnehmung des eigenen Lebensumfelds beschränken, um so mittelbar auch für den Klimawandel zu sensibilisieren.

Diese Veränderung des Schwerpunkts konnte im Mai 2024 von einer (aufgrund des neuen Semesters) neuen studentischen Forschungsgruppe begleitet werden. Der aktualisierte Projektfokus lautete nun „Gemeinschaft“ bzw. „Zuhause“. Diesem Inhalt entsprach, dass Bahar Meriç eine vertrauensvolle Atmosphäre schuf. „Die Interaktion mit den Schüler*innen ist auf Augenhöhe ausgerichtet und es ist zu bemerken, dass die Schüler*innen sich nicht scheuen, ganz sie selbst zu sein“ (s. Feldnotizen Julia Stromski, 6. Mai 2024). Am 6. Mai fand eine Aufteilung der Lerngruppe statt. Im Klassenraum wurde mit Bahar Meriç und Robert Piasek an persönlichen Themen der Schüler*innen weitergearbeitet. In einem Nebenraum fanden Tonaufnahmen zum eigenen Zuhause mit Julian Karnetzky statt, der nach der ersten Projektwoche für Johannes Frick eingesprungen war. Mit einem Arbeitsblatt, das die Schüler*innen am Tag vorher erhalten hatten, konnten sie sich hierfür vorbereiten auf Fragen nach „[der] sinnliche[n] Wahrnehmung des Zuhauses. Wie riecht es, wie schmeckt es, wie fühlt es sich an?“ (s. Feldnotizen Maggie Schneider, 6. Mai 2024).
Tatsächlich gelang es durch die geduldige Arbeit von J.K. und teilweise auch den Support einer Studentin, einige Fassungen von Zuhause-Tracks aufzunehmen.
Dieses Zuhause erwies sich oft als an die Wohnung der Eltern gebunden. Einige Schüler*innen benannten Berliner Bezirke wie Neukölln oder Bernau und zusätzlich Heimaten außerhalb von Deutschland: Kosovo-Albanien, Bosnien, Libanon, die Türkei.
Die zweite Frage nach dem Sich-zuhause-Fühlen rief meist Gedanken an Freizeit mit Freunden, Gaming, Spaß und Sport auf. Aber auch Momente der Freiheit, Sicherheit, Geborgenheit und des Sich-angenommen-Fühlens wurden geschildert.
Es folgten die Antworten zum Geruch des Zuhauses. Dieser Sinn schien ambivalent besetzt. Einerseits duftete es zuhause nach Blumen, Gewürzen, gebratenen Zwiebeln, Honig und Zitrone, andererseits roch es auch mal nach Schweiss und Katzenklo. Letzteres lässt sich lesen als Zeichen für die körperliche Anwesenheit von Lebewesen, bestätigt das eigene Da-Sein, Teil-davon-Sein und gewinnt dadurch auch eine positive Bedeutung. Weitere Gerüche nach Zigarette und Shisha, Parfums und Waschmittel kennzeichnen das Zusammenleben verschiedener Generationen und Geschlechter.
Die Frage nach dem Geschmack von Zuhause gab Einblicke in Lieblingsessen wie Cevapcici, Couscous, Spaghetti Bolognese und Tees. Wieviel die Schüler*innen hierbei von sich und ihrem Leben preisgaben, ist definitiv ein Fortschritt im Vergleich zu den anfänglichen Befürchtungen und peinlichen Momenten.
Eine erste Präsentation vor der Klasse im Mai erzielt große Aufmerksamkeit. (vgl. Feldnotizen Armin Wischkony, 8. Mai 2024).

Trotzdem!! Beiträge über Klimawandel
Die Einführung in den für die Abschlusspräsentation im Haus der Kulturen der Welt geplanten Audiowalk beginnt mit dem von einer Schülerin vorgetragenen Sprechgesang: „Klimawandel hat nichts mit mir zu tun. Ja, o.k., Klimawandel hat noch nichts mit mir zu tun. Weil, ich bin halt vierzehn. Aber trotzdem weiß man halt nicht, was passiert. Vielleicht ist es irgendwann mit 50 Grad normal oder es gibt keine Menschen mehr. Und du denkst dir: Ob ich meine Kinder noch sehen werde, weil in Zukunft alle Menschen mit 50 sterben, oder so?… “.
Die ratlos wirkenden Ahnungen münden in: „Klimawandel, what the fuck!“ Dieser trotzige Ausdruck, etwas abgeschwächt übersetzbar mit „Klimawandel, was soll´s!“, bringt eine nicht nur bei Jugendlichen weitverbreitete Stimmung auf den Punkt. Hierin zeigt sich auch Realitätsverweigerung. Das passt zur Fortsetzung im Text: „Ich habe keine Ahnung, was Klimawandel überhaupt macht. Geschweige denn, welche Folgen er hat.“ Hier werden komplizierte Klimagefühle einer Schülerin laut.
Sie steht damit nicht allein: Schon 2018 gab die Hälfte der in einer Studie der FU Berlin befragten 2500 jungen Menschen ähnlich widersprüchlich an, „dass ihnen Nachhaltigkeit zwar wichtig ist, sie jedoch gleichzeitig desillusioniert und pessimistisch auf die Zukunft schauen“ (Peter, van Bronswijk 2021, 61; Näheres siehe Brock, Grund 2019, 893).

Ein anderer Schüler reimt und rapt: „Klimaschutz ist cool. Das ist kein Witz… Wir alle sind gefragt, jeder kleine Schritt. Und Energie zu sparen, weniger Auto fahren. So können wir gemeinsam die Welt bewahren.“ Dieser Rap bietet uns die hoffnungsvolle Aussicht, durch kleine Schritte die Welt zu bewahren. Auf eine direkte Art erzeugt er ein Gefühl von Gemeinschaft. Es fällt darum leichter, ihm zuzuhören. Wobei in diesem Text Momente der Selbstbefragung und der Beschreibung der eigenen Gefühle übersprungen werden.

Weitere Schüler*innen formulieren aus radikal subjektiven Blickwinkeln ihre Beiträge über bzw. gegen den Klimawandel: Ein Dreierteam inszeniert ein Wettessen von Sojaburgern. Eine Gruppe erfindet eien Schminkaktion, mit der sie auf ökologisches Handeln aufmerksam machen will. Ein Schüler befragt einen Lehrer zu den Auswirkungen von Kriegen auf das Klima. So entsteht eine wilde Mischung an Themen, Fragen und Emotionen. Was außerdem sichtbar und hörbar wird, sind positive Erfahrungen kollektiver Medienproduktion, die am Anfang so umstritten war. Die Herstellung eigener Clips und Auftritte geht einher mit selbst gesammelten Wissensbeständen über Klima und Ökologie und mit einer geschärften Wahrnehmung von Lebensbereichen, die mit beidem zu tun haben.

Aus pädagogischer Perspektive stellt sich die Frage, in wieweit Selbstwirksamkeit oder Kontrollerleben in diesen Produktionen aufscheint (Peter, van Bronswijk 2021, 62), sodass die Schüler*innen angesichts krisenhafter Aussichten ihrer realistischen Verunsicherung etwas entgegensetzen und ihren Visionen handelnd näherkommen können. Daneben sollte das Publikum der Präsentation – ob online oder im Haus der Kulturen der Welt – sich überlegen, was sein Anteil sein wird, um die Lebensperspektiven dieser und anderer junger Menschen aussichtsreicher zu gestalten.

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Klimawandel, WTF!

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