Drei Ebenen der Begleitforschung zu „Schools of Sustainability. Handlungsmacht statt Ohnmacht“ (2023–24)

Nanna Lüth

1. Die Begleitforschung in Form von teilnehmender Beobachtung und von Feldnotizen bzw. Protokollen

Die Begleitforschung wurde durch MA-Lehramtsstudierende der UdK Berlin im Fach Kunst vor allem in Form von teilnehmenden Beobachtungen durchgeführt. Diese Praxis wurde in Forschungsseminaren unter der Leitung von Prof. Dr. Nanna Lüth, Gastprofessorin für Diskriminierungskritische Didaktik im Feld der Künste, in zwei aufeinander folgenden Semestern, d.h. von Oktober 2023 – Juli 2024, vorbereitet und begleitet. In diesen Veranstaltungen wurden Grundlagen über Klimabildung sowie Beobachtung, Kartieren und Interview als Methoden qualitativer Datenerhebung vermittelt. Zu Beginn des jeweiligen Semesters wurde eine offene Beobachtung vereinbart, die für prinzipiell alle möglichen Momente im Projektgeschehen aufmerksam sein sollte. Angestrebt war zudem ein kreativer Umgang mit Medien und Formen des Protokollierens. Die Möglichkeit, die eigenen künstlerischen Ansätze in die Form der Aufzeichnung einzubringen, war explizit erwünscht. Im weiteren Verlauf wurden die entstandenen Feldnotizen, Skizzen und Berichte diskutiert und kontextualisiert, sowie der Einbezug der Schüler*innen geplant, siehe weiter unter c. Das Konzept einer künstlerisch-wissenschaftlichen Begleitforschung ermöglichte Freiräume des forschenden Lernens. Die Studierenden trafen eigene methodische und inhaltliche Entscheidungen. Im Seminarkontext reflektierten wir die Begleitforschung. Dabei diskutierten wir folgende Herausforderungen, Ansprüche und Zielsetzungen:

a. Die Doppelrolle als teilnehmende*r Beobachter*in
Die meisten Studierenden hatten vor Kurzem das Praxissemester absolviert. Diese Tatsache und die daraus resultierende Identifikation mit der pädagogischen Rolle führten dazu, dass die meisten studentischen Beobachter*innen in den Projekten gerne assistierten, wenn sie dazu aufgefordert wurden. Zudem wechselten sie von einer stärker beobachtenden zu einer stärker teilnehmenden Rolle, wenn sie selbst den Eindruck hatten, dass es in bestimmten Situationen Unterstützungsbedarf gab. Dieser Wechsel bzw. diese Doppelrolle fiel verschiedenen Studierenden unterschiedlich leicht. Eine aktive Beteiligung als Springer*in im Projektkontext schien die Studierenden mit einer legitimen Aufgabe zu versehen; so wurde ihre Akzeptanz auf Seiten der anderen erwachsenen Projektbeteiligten wie Lehrer*innen und Künstler*innen erhöht. Außerdem entstand so die Möglichkeit, Gespräche mit den Schüler*innen zu führen, die das Kennenlernen beförderten, das Beobachten und die Einschätzung des Geschehens erleichterten.

b. Beobachten, ohne zu bewerten
Die Feldnotizen vor allem der ersten Projektbesuche wiesen starke Bewertungen des pädagogischen Geschehens auf, was mit der Idee einer neutralen Beschreibung in Widerspruch stand. Diese Entwicklung lässt sich mit der Wahrnehmung von pädagogischer Arbeit als zu bewertende Handlung verbinden, die die Studierenden im Praxissemester erleben (und die im Referendariat fortgesetzt wird). Durch die Besprechung dieser Tendenz ließen sich einzelne Beobachtungen reflektieren und durch das Nachdenken über die je eigenen Voreingenommenheiten multiperspektivisch öffnen.
Mithilfe einer vertieften Diskussion eines Textes von Sabine Reh (2012) über die Entscheidungen im Kontext von Beobachtungen in der Schule und deren Verschriftlichung ließen sich die angefertigten Notizen auf bestimmte Vorannahmen und Interessen hin analysieren. Da ein tatsächliches Re-Writing jedoch im Rahmen eines Semesters nicht umsetzbar war, übernahm ich die Aufgabe der Bearbeitung von Ausschnitten und der zusammenfassenden Auswertung exemplarisch > siehe hier. Besonders die Komplexität der Gefühle von Jugendlichen gegenüber Klimabildung im schulischen Kontext wird an einzelnen Protokollen und den erarbeiteten künstlerischen Medienproduktionen deutlich.

c. Mit Schüler*innen forschen
Ein dritter Anspruch, den die Begleitforschung während der beiden Semester verfolgte, war der Einbezug von Schüler*innen in die Forschung (vgl. Büker et al 2018). Da im ersten Semester eine kleine Seminargruppe aus sechs Studierenden die Beobachtung vornahm und damit an die Grenzen der Belastbarkeit geriet, trat dieser Anspruch zunächst in den Hintergrund. Die Abschlussbesprechung mithilfe von Kartierungen zu den Fragen „Wo stehen wir mit unserer Forschung?“ und „Wie sind wir dahin gekommen?“ (vgl. die Karte im Hintergrund der Startseite) in der letzten Sitzung des Wintersemesters ergab also ein zentrales Desiderat, nämlich den Wunsch, diesen Aspekt im Folgesemester stärker zu berücksichtigen. Diesen Auftrag zu realisieren, erwies sich im Sommersemester auch als nicht einfach, da die Organisation der größeren Seminargruppe und die Vermittlung von Entscheidungen über Grundlagen der Zusammenarbeit zunächst einen Großteil der Zeit einnahmen. Im letzten Drittel gelang es durch das besondere Engagement einer Forschungsgruppe sowie die Unterstützung an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, ein partizipatives Mapping unter Beteiligung aller Schüler*innen zu realisieren. Mit einem Grundriss des im Projektrahmen umgestalteten Klassenzimmers, um den die Namen der besuchten Exkursionsorte verteilt waren, und darauf angebrachten Post-Its erfolgte ein Projektrückblick durch die Schüler*innen. Auf der Karte hielten sie eigene positive Erfahrungen, offene Fragen und Wünsche fest, > siehe hier. Eine weitere Möglichkeit, die Perspektiven der Schüler*innen einzubeziehen, stellte die Betrachtung und Interpretation ihrer Produktionen dar, siehe hier > die Plakate und Videos.


2. Die Darstellung der Ergebnisse der Begleitforschung zu den drei Projekten durch studentische Projektgruppen in nachhaltigen und zugleich experimentellen Formaten

Zeitgleich zur Fortsetzung der Forschung im Sommersemester bereitete ein neues Seminarangebot die Darstellung der Forschungsergebnisse online vor. Hierfür kooperierten Brendan Howell, der durch die Finanzierung der Ständigen Gemeinsamen Kommission (für Lehrer*innenbildung) der UdK für die Lehre engagiert werden konnte, und Nanna Lüth. Sie boten ein Seminar mit dem Titel „Sustainable Digital Storytelling“ an. In dieser Lehrkooperation wurde mit Materialien aus den Seminaren „Mit Schüler*innen forschen (zum Thema Klimawandel)“ seit WiSe 23/24 gearbeitet. Die Lehrenden vermittelten, wie mit einfachen Mitteln spielerisch und unter Berücksichtigung von Umweltbedingungen eine Online-Geschichte über Klimabildung erzählt werden kann. Ziel war die Gestaltung einer vielseitigen Plattform, die das Projekt „Schools of Sustainability. Handlungsmacht statt Ohnmacht“ dokumentieren sollte.

In diesem Seminar lernte die Studierendengruppe, die zumeist auch an der Begleitforschung beteiligt war, also händisch HTML zu programmieren. Dieser Einstieg in eine einfache Medientechnik und der damit zusammenhängende Blick in den Quelltext, also die Hinterbühne des Internet, wurde begleitet von medienkünstlerischen Beispielen, Übungen und Texten über non-lineare Erzähltechniken.

Die Idee der nachhaltigen Produktion einer Online-Geschichte über Klimabildung griff zurück auf frühere Standards von HTML-Programmierung, die in Zeiten geringerer Datendurchsätze eine Bedingung der Zugänglichkeit von Websiten waren. Dieses Prinzip kann auch heute als ökologisch gelten, da für den Aufruf von Seiten mit geringem Datenvolumen relativ wenig Energie erforderlich ist. Die Studierendengruppen, die zuletzt ihren Teil der gemeinsamen Website gestalteten und programmierten, standen vor der Herausforderung, zeitgleich Techniken nachhaltiger Gestaltung zu lernen, eine Darstellung von Forschungsinhalten zu konzipieren und diese in eine präsentable Form bringen zu müssen. Die Ergebnisse wurden an alle Beteiligten von „Schools of Sustainability. Handlungsmacht statt Ohnmacht“ kommuniziert. Sie stellen ein Angebot zur Wahrnehmung von künstlerischen Lernprozessen, ihren Voraussetzungen und Rahmungen aus einer Perspektive von interessierten Außenstehenden dar.


3. Die Durchführung von Fortbildungen und die Erarbeitung von Unterrichtsmaterial zu den Themen Klimabildung und -emotionen im schulischen Kontext

Parallel zum Start der Begleitforschung fand ein zweites Seminar statt, das die Entwicklung und Durchführung einer Lehrer*innenfortbildung zum Inhalt hatte. Dieses Seminar startete mit zwölf künstlerischen Positionen und aktivistischen Medienproduktionen, die Klimafragen mit Humor bearbeiten, die ich den Studierenden in Form von Bildern mit einer kurzen Beschreibung vorlegte. Die Studierenden wählten Positionen, die sie interessierten, und setzten sich intensiver damit auseinander. Im Verlauf der Recherche und des Austauschs über die einzelnen Ansätze bildeten sich drei Gruppen, die zur Aufgabe hatten, sich aufgrund der vertieften gewählten Impulse eine pädagogische Einheit auszudenken.

Wir erprobten die drei Einheiten im Seminar. Anschließend diskutierten wir Verbesserungen für die Umsetzung als Teile einer Fortbildung für Lehrer*innen, die im Februar 2024 im Haus der Kulturen der Welt stattfinden sollte. 25 Teilnehmer*innen, darunter vor allem Pädagog*innen und Künstler*innen, nahmen an unserer vierstündigen Fortbildung teil. Im Anschluss an diesen positiv evaluierten Workshop erarbeiteten die drei Projektgruppen Lernmaterialien, die ein Semester später redaktionell überarbeitet wurden und hier zur Verfügung gestellt werden. > siehe hier

Eine zweite Fortbildung werden Tarfa Bachan und Nanna Lüth am 2. Oktober 2024 im HKW Berlin anbieten. Diese trägt den Titel: Müll als Material - Globale Kreisläufe, Kunst und Kritik. Auch hierzu wird auf dieser Website eine Handreichung publiziert werden.

Über Ergänzungen zu den Materialien und Rückmeldungen aus der Praxis freuen wir uns. Kontakt


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